Schützenswert

Zwischen Tradition und Neubeginn

Portrait Baumgarter -1

Text: Anina Torrado Lara
Fotos: Anna-Tina Eberhard, GSI Architekten

Draussen zieren Goldbuchstaben die Schaufensterfront, drinnen duftet es nach frisch gemahlenem Kaffee. Die Holzgestelle, die bis zur Decke reichen, sind prall mit Tee, Schokolade und anderen Leckereien gefüllt. Derweil läuft die Kaffeemaschine auf der Marmortheke heiss, Geschäftsleute schlürfen ihren Espresso.

Christoph Baumgartner, der den Familienbetrieb seit 42 Jahren führt und ihn nun schrittweise an seine Tochter Kathrin übergibt, führt uns sichtlich stolz durch das helle Ladenlokal. «Zusammen mit dem Prozess der Nachfolgeregelung habe ich auch einen Umbau angestossen», erzählt er.

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Die Fassade des Ladens wurde in den Zustand von 1903 zurückversetzt.

Wie vor 100 Jahren – und doch so anders!

Kathrin Baumgartner ist 2017 in den Familienbetrieb eingetreten und wird diesen in siebter Generation weiterführen. Sie erzählt: «Mein Vater und ich haben das ganze Unternehmen gemeinsam modernisiert. Bewusst haben wir den Laden aber wieder wie vor 100 Jahren hergerichtet.»

Gleichzeitig stand eine Gesamtsanierung des Wohn- und Geschäftshauses an. Unterstützung bekam die Familie dabei vom St.Galler Architekturbüro GSI Architekten. «Wir haben die Archive in der Stadt nach alten Dokumenten durchstöbert», erzählt Regula Geisser, federführende Architektin. «Ein Fundstück lag aber direkt im Haus selber in den Akten von Christoph Baumgartner: Dort fanden wir Fotos der alten Ladenfront aus dem Jahre 1903. Diese wurde vom Architekten Wendelin Heene gestaltet und bot uns genügend Inspiration für eine Neuauflage», erzählt sie.

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GSI Architekten zog lokale Partner bei, die das alte Handwerk noch beherrschen.

Altes Handwerk von der Tapete bis zur Beschriftung

Die Baumgartners sahen das Potenzial und gaben ihr Einverständnis zur Neugestaltung. In den folgenden zwei Jahren wurde das ganze Geschäftshaus an der Multergasse 6 etappenweise umgebaut. Die Bauherrschaft und GSI Architekten AG berücksichtigten dabei bewusst lokale Partner, die das traditionelle Handwerk noch beherrschen.

Heute erstrahlt das altehrwürdige Gebäude in neuem Glanz. Goldschrift ziert die gerundete Schaufensterfront, die Holzgestelle reichen bis zur Decke, an der langen Kaffeetheke legt Kathrin Baumberger selber Hand als Barista an. Derweil steht Vater Christoph Baumgartner im ersten Stock an der Röstmaschine. «Wir rösten den Kaffee noch genau so, wie mein Vater und Grossvater es mir beigebracht haben», erzählt er stolz.

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Überraschung im Dachstock

Im Zuge der Gesamtsanierung haben Vater und Tochter auch entschieden, die alten Wohngeschosse wiederzubeleben. Eine besondere Überraschung erwartete die beiden im Dachstock: Ein Mauersegler-Vogelpaar hatte sich bereits eingenistet, die Jungtiere piepten inmitten der Baustelle aus dem Nest. Eines war klar: Die langjährigen «Mieter» sollen bleiben. So verzögerten sich die Dacharbeiten, bis die Jungen flügge wurden. «Nächstes Jahr dürfen sie wieder hier nisten», erzählt Christoph Baumgartner. «Wir respektieren unsere Tradition. Dazu gehört halt auch, dass wir nichts überstürzen.»

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Im 1. Stock wird der Kaffee wie zu Grossvaters Zeiten geröstet.

Die Freude über den gelungenen Umbau ist Vater und Tochter Baumgartner anzusehen. In ihr Zuhause ist neues Leben eingekehrt – und das vom urbanen Barista-Café im Parterre bis in den gemütlichen Dachstock.

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