Rorschacherstrasse, St.Gallen

Wettbewerb 1. Rang: Neubau Haus «Notker Tertius» in St.Gallen

159_Notkerianum_St.Gallen_Visualisierung Ankunft

Projektwettbewerb: 2021
Visualisierungen: PYXEL GmbH
ARGE mit Mettler Landschaftsarchitektur

GSI Architekten AG haben den Wettbewerb für den Neubau des Hauses «Notker Tertius» in St.Gallen gewonnen. Es ergänzt die Alterswohnhäuser Balbulus von 2008 und Labeo von 2014. Topografisch liegt das Notkerianum auf einem Moränenhügel des vor 20’000 Jahren geschmolzenen Rhein­gletschers. Heute ist dieser Hügel durch die Rorschacherstrasse in zwei Hälften geteilt. Um 1881 erscheint die erstmals kartografisch eingetragene Strassenfurche durch den Moränenhügel.

Ein kurzer Abriss der Geschichte

  • 1911 entstand eine herr­schaftliche Villa mit Mansardendach und Pförtnerhaus. Zeitgleich wurde auch eine diagonale Wegverbindung von Ost nach West geschaffen. Sie markierte während sechs Jahrzehnten den östlichen Ausgang des Stadtgebietes St.Gallen.
  • 1917 wurde die Kirche St.Maria Neudorf gebaut.
  • 1953 wurde die Wegverbindung von Ost nach West abgeschnit­ten und das Areal geschlossen. Danach erfolgte die Feststellung des Parks.
  • 1978 wurde der Ostteil zur Grünzone. Gleichzeitig wurden die Autobahn in Etappen und das Hallenbad Blumenwies gebaut.
  • 1990 wurde ein Lärmschutzwall entlang der Autobahn errichtet. Nach und nach wuchs die Stadt mit Gewerbebauten entlang der Rorschacherstrasse stadtauswärts.
  • 2008 wurde das Alterswohnhaus Notkerianum Balbulus neu gebaut.
  • 2014 folgte der Neubau Notkerianum Labeo. Im gleichen Jahr wandelte sich durch eine Zonenplanänderung die Ostfläche von der Grünzone in eine Zone für öffentliche Bauten und Anlagen. Auch das Familiengartenareal wurde zur Grünzone.
  • Das Naturmuseum bildete ab 2018 einen neuen Markstein im Osten der Stadt. Es ist eine attraktive Nachbarin des Notkerianums.

Schutzgüter

Der Park und die historische Bausubstanz des Altersheims Notkerianum wird von ISOS mit dem Erhaltungsziel A hochrangig gewürdigt. Die Bedeutung des neuen Naturmuseums wird ebenfalls erwähnt. Das INSA würdig die Pfarrkirche St.Maria Neudorf als glanzvollste Kirchenanlage des Rorschacher Architekten Adolf Gaudy. Die Anlage liegt in einer Baumschutzzone; Einzelbäume werden im Wettbewerbsprogramm als besonders erhaltenswert eingestuft. Einige davon sind zwingend zu erhalten und somit perimeterrelevant. Die Grünzone wurde 2014 im Hinblick auf das Bauvorhaben aufgehoben, jedoch sieht der Richtplan nach wie vor den Grünzug Ost quer durch das Areal vor. Im Süden befindet sich der Gewässerraum des Bergbachs.

Grundsätze des Projekts Quillo

Das Areal sowie die Nachbarschaft ist reich an Geschichte, Kultur und Naturschutzgütern. Dieses Erbe heisst es zu hüten und zu stärken, denn es ist identitätsstiftend und stärkt das Wohnumfeld des Notkerianums. Damit die wertvollen Erkenntnisse aus der Analyse nicht verhallen, richtet sich die Architektur nach folgenden Grundsätzen:

  • Kultur: Die herrschaftliche Villa ist die zentrale Identifikationsbaute der Institution Notkerianum. Laut Machbarkeitsstudie kann sie ihre volle Wirkung nur mit einer stärkeren Alleinstellung wiedererlangen. Das Projekt Quillo verzichtet daher auf eine oberirdisch sichtbare Anbindung des Notker Tertius an den Gebäudezug der Villa, den Zwischenbau und den Osttrakt. Die Baute stellt sich weit in den Hintergrund und setzt sich durch die Querstellung klar ab.
  • Natur: Das Areal Notkerianum befindet sich im Korridor des Grünzug Ost. Dieser soll sich zu einem durchgängig vernetzten und erlebbaren Grünraum entwickeln (Richtplan S4 // 34). Der Bergbach wird zu einem Naturraum mit Ufervegetation aufgewertet und soll Bindeglied zu den angrenzenden Familiengärten werden. Das Projekt Quillo legt grossen Wert auf den Schutz der Baumsubstanz. Jene Bäume mit hoher Erhaltenswürdigkeit gemäss Baumgutachten werden geschützt. Die Baute soll durch einen minimalen Fussabdruck und durch die Randlage einen maximal zusammenhängenden Parkumschwung belassen.
  • Gesellschaft: Das Projekt schlägt vor, die historischen Wegverbindungen diagonal durch den Park wiederherzustellen. Dies fördert den Kontakt der Bauten untereinander und die Vernetzung mit dem Quartier.
  • Die vom Kanton vorgesehene Verbreiterung der Strassenfurche der Rorschacherstrasse bringt Unwirtlichkeit und mehr Strassenlärm für das Notkerianum. Das Projekt schlägt vor, die Fussgängerachse statt auf dem Trottoir über den Hügel auf der Nordseite der Villa parallel zur Strasse zu führen. Das Trottoir wird so überflüssig und kann aufgehoben werden. Es entsteht Platz für die gewünschte Spur, ohne den Strassenquerschnitt aufwändig verbreitern zu müssen. Ein weiterer Gewinn ist, dass das Areal durch Passanten belebt wird.

Städtebau und Setzung

Der Bauplatz ist ein delikater Ort. Er liegt am Rande der nationalen Infrastruktur und inmitten geschützter Ortsbilder sowie bedeutender Naturwerte. Zwingende Perimetergrenzen durch den Gewässerraum und die Autobahn A1 erfordern eine präzise Einfügung und eine hocheffiziente Bodennutzung. Um die räumliche Attraktivität des natürlichen Umfelds zu bewahren, ist ein möglichst kleiner Fussabdruck ein erklärtes Ziel.

Durch das extreme Nebeneinander von historischer Parkromantik und Autobahnrauschen braucht es eine Klärung. Der neue Baukörper soll einen bedeutenden Beitrag zum Lärmschutz der Anlage und zur räumlichen Klärung der Gesamtsituation leisten. Wesentlich ist dabei, einen maximal langen Baukörper als Schallwand auszubilden.

Die schlanke Kubatur ergibt sich einerseits über die notwendige Einseitigkeit der Nutzung auf die ruhige Westseite, andererseits über die Maximierung der zusammenhängenden Parkfläche. Die orthogonale Querstellung stärkt das Ensemble Notkerianum Osttrakt, Viletta und Balbulus durch das Aufspannen eines grossen Raums. Die strassenbegleitenden Bauten – Naturmuseum, Kirche St.Maria Neudorf und Fisba – sind alle orthogonal gesetzt. Die demonstrative Länge und Stellung des Baus hat die Aufgabe, sich gegenüber der diagonal verlaufenden Autobahn mit starker Haltung zu behaupten. So kann er das Areal schützen und die Stadt stärken.

Die maximale Ostlage weitet das Gesamtensemble aus und vermittelt dem gehobenen Wohnen eine noble Distanz. Es schafft Vorbereiche sowie räumliche Privatsphäre. Die funktionale Zusammengehörigkeit mit dem Osttrakt wird mit einem unterirdischen Verbindungsgang ermöglicht.

Kubatur und Höhe

Der Hauptbaukörper ist ein schlanker, langer Bau von 12.8m Breite und 46.8m Länge sowie 23m Höhe. Die sieben Vollgeschosse ergeben eine Gebäudehöhe von 23.3m und übersteigen die Regelbauweise um 2.3m. Das erfordert einen Sondernutzungsplan. Das etwas aufwändigere Baubewilligungsverfahren begründet sich durch die Vorteile wie beispielsweise den minimalen Fussabdruck, die maximale Parkgrösse und die einfache Kubatur. Die leichte Höherlegung des Volumens mit einem Eingang auf dem heutigen Platzniveau von 569 m.ü.M. erleichtert das Zusammenspiel des Hauses Tertius und dem Pflegeheim funktionell wie städtebaulich. Auch die Wohnungen auf dem Parkniveau (UG-2) erhalten eine erhöhte Lage im Hochparterre und gewinnen dadurch an Privatsphäre. Die Höhersetzung ermöglicht zudem die natürliche Belichtung der Servicenutzungen im Untergeschoss (UG-3).

Erschliessung

Der gemeinsame Ess- und Aufenthaltsraum liegt am Eingangsplatz an belebter Lage. Eine helle Korridorzone erschliesst die Wohnungen und die anderen Räume. Eine Kaskadentreppe führt grosszügig und übersichtlich in die Obergeschosse und soll zum Treppenlaufen animieren. Personen- und Bettenlift sind in die Wohnungsstrukturen integriert. Zwei weitere Eingänge erschliessen den Park auf der Ost- und Westseite und machen schwellenlose Rundläufe möglich und attraktiv.

Verbindungsgang

Ein Gang für das Personal und die Bewohnenden verbindet das Haus Tertius mit dem Osttrakt an zwei Stellen. Er verläuft auf der Nordseite diskret und vollkommen unterirdisch. Hochwertige Oberflächen mit Holztäferung und Oblichtern sorgen trotz kompakter Lösung für eine angenehme Raumwirkung. Da der Korridor nach 37m einen Treppenhausanschluss hat, braucht es keine speziellen Brandschutzanforderungen. Durch eine Treppenhausverlängerung erfolgt die Erschliessung ins östliche Treppenhaus. Der Zwischengang kann mit Vorteil im Zuge der zweiten Bauetappe bis zum Zwischenbau verlängert werden.